PROJEKTE
NAHOST


LOKALITÄT UND FRÖMMIGKEIT IM ISLAM NORDAFRIKAS UND WESTASIENS
(1) Gebhard Fartacek | Zonen der Ungewissheit: Tabu und Ritual im Nahen Osten unter raum- und zeitkonzeptionellen Perspektiven.
(2) Gebhard Fartacek | Pilgerstätten in der syrischen Peripherie. Eine ethnologische Studie zur kognitiven Konstruktion sakraler Plätze und deren Praxisrelevanz.
(3) Günther Windhager | Von Lemberg nach Mekka (1900-1927). Die frühe biographische Periode von Leopold Weiss alias Muhammad Asad.
(4) Barbara Danczul | "Aug um Aug und Zahn um Zahn?" Strategien zur Beilegung von gewalttätigen/fehdeähnlichen Konflikten in Ägypten.
(5) Ines Kohl | Identitäten zwischen Grenzen. Strategien der Zugehörigkeit von Imajeghen (Tuareg) in Libyen.
(6) Gudrun Kroner | Jenseits von Ortsgebundenheit: Eine komparative Analyse von weiblichen Flüchtlingsschicksalen in der arabisch-islamischen Welt.
(7) Johann Heiss | Anthropologische Interpretationen zu Südwest-Arabien.
 
 
 
BARBARA DANCZUL | "AUG UM AUG UND ZAHN UM ZAHN?"
Strategien zur Beilegung von gewalttätigen/fehdeähnlichen Konflikten in Ägypten.

 
Zentrum dieses Forschungsprojektes waren Strategien zur Bewältigung gewalttätiger Konflikte im Nahen Osten. Rechtsanthropologisch gesehen, kennzeichnet diese Region ein historisch gewachsener Rechtspluralismus.
 
Es gibt drei unterschiedliche Rechtssysteme:
  • Das älteste ist das aus vorislamischer Zeit stammende, mündlich tradierte, lokal sehr differenzierte und sich ständig anpassende Gewohnheitsrecht (’urf).
  • Die Shari’a, das islamische Recht, die das lokale Gewohnheitsrecht in mancher Hinsicht überlagert bzw. modifiziert, wird als zweite, überlokale, Rechtsordnung praktiziert.
  • Zur teilweisen Verdrängung des islamischen Rechts hat die staatliche Rechtsordnung beigetragen. Sie wurde unter dem Einfluss französischer und britischer Kolonialisierung geschaffen und gilt als drittes, übergeordnetes, System.
Barbara Danczul untersuchte, welche Maßnahmen und Rechtsmittel von den zur Streitbeilegung von fehdeartigen Konflikten beauftragten Spezialisten (Schiedsrichtern) in Anspruch genommen werden. Die Wissenschafterin forschte im Süden Ägyptens in der Stadt Assiut, einem Zentrum des ägyptischen Islamismus. Barbara Danczul fand heraus, dass sogar in diesem Zentrum des Islamismus dem überregionalen islamischen Recht nicht strikt gefolgt wird, ganz zu Schweigen davon, dass das moderne westliche Recht kaum präsent ist. Die Wissenschafterin verfolgte bei ihren Feldforschungsaufenthalten u. a. Schiedsgerichtsverfahren, die nach dem örtlichen Gewohnheitsrecht abgehalten werden: Gottesurteile, bei denen Angeklagten mit glühenden Eisen über die Zunge gefahren wird; oder öffentliche Buße, bei der Täter/innen vor versammelter Menge bei der Familie des Opfers Vergebung erflehen.
 
Die zentrale Frage der Autorin ist: Was macht das örtliche Gewohnheitsrecht so stark, dass in dieser islamistischen Hochburg das überregionale islamische Recht kaum und das westlich geprägte staatliche Recht schon gar nicht ausreicht?
 
Eine Antwort darauf ist zum Teil, dass sich Menschen – gerade in Zeiten der Globalisierung – am Nahen, besonders Vertrauten und an lokalen Traditionen orientieren. Im Rechtspluralismus hat das Gewohnheitsrecht gerade deswegen eine Zukunft, weil sich staatliches und islamisches Recht aus der Sicht von vielen allzu sehr nach internationalen Maßstäben orientieren, ob diese nun in Den Haag oder in Mekka gesetzt werden, und sich dabei vor Ort erschöpfen und auslaugen. Das Gewohnheitsrecht wird hier als passende Alternative gesehen. Barbara Danczul zeigte vor allem auch auf, dass diese Schiedsgerichte nicht nur zwischen den Streitparteien selbst vermitteln, sondern auch zwischen den unterschiedlichen Rechtssystemen und - ebenen. Das vermittelnde Element dieser Art der Streitbeilegung war ein zentraler Aspekt ihres Forschungsprojektes und ein Schlüssel zu einem besseren Verständnis solcher Streitbeilegungsinstitutionen in Ägypten.
 
Zum Thema wird Barbara Danczul ein Buch publizieren, das bei der ÖAW in Vorbereitung ist.
 
 
 
Danczul, Barbara (2005): Letzter Ausweg Schiedsgericht? Rechtsnormen und außergerichtliche Streitbeilegung in Ägypten. In: Heiss, Johann (Hg.): Veränderung und Stabilität. Normen und Werte in islamischen Gesellschaften. Wien: Verlag der Österreichischen Akademie der Wissenschaften.
-> Siehe Publikationen
 
Danczul, Barbara (2005): Blut wird niemals Wasser werden! Lokale Strategien zur Beilegung gewalttätiger/ fehdeähnlicher Konflikte in Oberägypten.
Dissertation, Universität Wien.

 
     
 
 

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